Der dritte «HC Award for Spe­cial Achieve­ment in Lit­er­ary Fic­tion»  (benan­nt nach dem schweiz­erisch-kanadis­chen Lite­ratur­wissenschaftler Her­man Couzens) geht an Julia von Lucadou für den Pro­log  in ihrem Roman Die Hochhausspringerin (Berlin: Hanser, 2018).

Was ist an diesem Romanan­fang so bestechend und aussergewöhn­lich?
Als die Autorin im Rah­men von Stadtle­sen St. Gallen am 11. August aus ihrem soeben erschiene­nen Buch vor­las, war ich von diesem Ein­stigg und seinem ganz beson­deren Erzählton sofort gefes­selt. Bald wusste ich, wie ich ihn charak­ter­isieren müsste und habe dafür den fol­gen­den Begriff geprägt: auk­to­r­i­al-sug­ges­tive Audiodeskrip­tion.

Die pro­movierte Filmwis­senschaft­lerin Julia von Lucadou erschafft auf den ersten Seit­en ihres Romans eine Erzäh­lin­stanz, die uns entschlossen an der Hand nimmt und durch die Szene führt. Dieser betont auk­to­ri­ale Ges­tus ist aus zahlre­ichen Roma­nen bekan­nt, auch wenn er etwas aus der Mode ger­at­en ist. Die Autorin ver­lei­ht dem Ganzen zudem einen post­mod­er­nen (oder doch wenig­stens medi­en­re­flex­iv­en) Touch. Der «Geist der Erzäh­lung» (ein Begriff von Thomas Mann) adressiert uns hier direkt. Ein­er­seits beschreibt seine Stimme, was sich vor unseren Augen abspielt (ganz im Sinne der Audio­deskription, wie wir sie von Hör­fi­men ken­nen). Ander­er­seits erweist sie sich als aus­ge­sprochen dom­i­nant und oppres­siv, indem sie die Leserin­nen und Leser nicht nur zur Betra­ch­tung ein­lädt, son­dern diesen vorschreibt, worauf sie ihr Augen­merk zu richt­en haben und wie sie das Gese­hene deuten und bew­erten sollen.

Aus Ihrer Sicht ist die Welt rund und glatt. Geniessen Sie diese Gle­ich­mäs­sigkeit, stellen Sie sich vor, dass sie nur für Sie existiert.

Das hat anfangs etwas kühl Deskrip­tives, erin­nert ent­fer­nt an den neu­tral beobach­t­en­den «Camera-Eye»-Stil. Aber während es bei Christo­pher Ish­er­wood heisst «Ich bin eine Kam­era mit offen­em Ver­schluss, nehme nur auf, reg­istriere nur, denke nichts», geht Julia von Lucadous Stimme einen Schritt weit­er. Sie dirigiert unser Auge wie ein Kam­eraob­jek­tiv und bedi­ent sich filmtech­nis­ch­er Begriffe.

Zoomen Sie nun ein wenig näher her­an. Sie kön­nen Fehler in der Gle­ich­mäs­sigkeit der Erdober­fläche erken­nen, Erhe­bun­gen und Senken. Sie bilden ein weich­es, wellen­för­miges Relief, die Wech­sel von Rot zu Blau zu Braun ergeben ein meliertes Muster.

Diese Stimme schme­ichelt sich sub­ver­siv ein, ohne die Deu­tung­shoheit aus der Hand zu geben.

Zoomen Sie also ruhig weit­er her­an, haben Sie keine Scheu, er ste­ht Ihnen zu, dieser Blick.

Aber der Ton bleibt dom­i­nant und ein­dringlich. Let­ztlich haben wir keine andere Wahl, als uns ihren Auf­forderun­gen und Anweisun­gen Folge zu leis­ten.

Nehmen Sie jet­zt wieder Abstand, zoomen Sie langsam hin­aus, sachte, ohne Wack­ler, so dass die Bewe­gung dem Auge angenehm bleibt.

Sog­ar mehr als das. Die sug­ges­tiv­en Regiean­weisun­gen gewin­nen etwas irri­tierend Über­grif­figes. Die Erzählstimme zeigt uns nicht ein­fach eine Szene, die wir nach Gut­dünken betra­cht­en und in Ruhe aufnehmen kön­nen. Sie bedrängt uns, drängt sich auf und dringt in uns ein. Von Beginn weg wer­den wir dirigiert und manip­uliert. Dieses Ver­fahren zwingt uns nicht nur einen voyeuris­tis­chen Blick auf, es schreibt uns vor, was wir denken und fühlen sollen. Selb­st unsere emo­tionale Reak­tion, men­tale Kom­mentare und Assozi­a­tio­nen wer­den dik­tiert:

Betra­cht­en Sie das Gesicht der Frau. Was für ein Gesicht, denken Sie, so sym­metrisch, als habe man nur eine Gesicht­shälfte erschaf­fen und diese dann gespiegelt.

Dieser göt­tlich-sug­ges­tiv­en Autorität müssen wir uns bedin­gungs­los unter­w­er­fen … und hal­ten uns am Ende gar selb­st für auk­to­r­i­al.

Jet­zt, in diesem Moment, da Sie sich langsam aus der Welt zurückziehen, gibt es keinen Tod, nur Leben.

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