Monat: Mai 2015

  • Trittsteine zum effizienten Schreiben

    Trittsteine zum effizienten Schreiben

    Philipp Mayer. 300 Tipps fürs wissenschaftliche Schreiben. UTB 4311. Paderborn: Schöningh, 2015. 138 Seiten.

    Alle paar Wochen – so fühlt es sich an – erscheint ein neuer Ratgeber zum wissenschaftlichen Schreiben im Studium. Die durchwegs gut gemeinten Handreichungen beschäftigen sich mit der Vorbereitung und Strukturierung schriftlicher Arbeiten, der Literaturrecherche, dem Ausformulieren des Textes und der gewissenhaften Überarbeitung und Schlussredaktion. Angereichert wird das Ganze mit allerlei Tipps zur Zeitplanung, für die Layout-Gestaltung, das Zitieren oder den kreativen Umgang mit Schreibblockaden. Weil beim Verfassen einer grösseren Arbeit einiges an Anforderungen und Ansprüchen zusammenkommt, fühlen sich nicht alle Studierende dem wissenschaftlichen Schreiben gewachsen. Da tut Hilfe not. Philipp Mayer fügt den zahlreichen Leitfäden und Handreichungen kein weiteres Manual hinzu. Vielmehr fasst er das Wichtigste noch einmal zusammen und reiht seine 300 Tipps wie Kalendersprüche auf. Die kurzweiligen Merkpunkte und Gebote bringen vieles auf den Punkt, was es für Novizen wie Schreiberfahrene zu beherzigen und immer wieder zu üben gilt. Jedes der elf Kapitel schliesst zudem mit Lektüre-Empfehlungen zur weiteren Vertiefung. Die Anregungen sind zwar thematisch gruppiert, aber ein Schlagwortregister wäre für den schnellen Zugriff dennoch von Nutzen. Ausserdem handelt es sich bei manch einem Tipp um eine Plattitüde, die im Schreiballtag nicht ohne Weiteres umzusetzen ist. «Lassen Sie Ihre Texte wachsen so wie Perlen wachsen», heisst es da fast poetisch. «Ergänzen Sie bei jeder Sitzung eine weitere Schicht.» – Schön und gut, aber wie das funktioniert, lässt sich nur durch kontinuierliche Praxis und Geduld entdecken.

    Daniel Ammann

    Erschienen in: Akzente 2 (22.5.2015): Online-Ausgabe.
  • Der letzte Satz: «Mann im Dunkel» von Paul Auster

    Der letzte Satz: «Mann im Dunkel» von Paul Auster

    «Yes, Dad, she says, studying her daughter with a worried
    look in her eyes, the weird world rolls on.»
    «Ja, Dad, sagt sie und betrachtet ihre Tochter aus  sorgenvollen
    Augen, die wunderliche Welt dreht sich weiter.»
    Paul Auster, Man in the Dark / Mann im Dunkel

    Paul Auster: Mann im DunkelNach einem Autounfall bleibt der 72-jährige Ich-Erzähler August Brill an den Rollstuhl gefesselt. Nachts liegt er wach und verdrängt schmerzhafte Erinnerungen, indem er sich eine Geschichte ausdenkt. «Nichts Besonderes», meint er, «aber solange ich mich damit beschäftige, muss ich schon nicht an die Dinge denken, die ich lieber vergessen möchte.» Man schreibt das Jahr 2007. Die Anschläge vom 11. September haben niemals stattgefunden, und statt im Irak wütet ein erbitterter Krieg im eigenen Land.

    Paul Auster lässt seinen hintergründigen Roman über menschliches Schicksal, Parallelwelten und die unbändige Kraft des Erzählens mit einem Satz von Rose Hawthorne enden. Sie war das jüngste von Nathaniel Hawthornes drei Kindern und Brills Tochter Miriam schreibt eine Biografie über sie. «Rose Hawthorne war keine besonders gute Dichterin, oder?», fragt Brill. «Nein», antwortet Miriam. «Ehrlich gesagt, war sie furchtbar schlecht.» Aber ein Satz aus ihrem Gedichtband Along the Shore hat es beiden angetan: «The weird world rolls on.»

    Bei Rose Hawthorne lautet die Stelle: «As the weird earth rolls on». Ist es Zufall oder Absicht, dass Auster diese eine Zeile mit einem Stabreim aufwertet? In der deutschen Übersetzung von Werner Schmitz wird daraus sogar eine dreifache Alliteration: Die wunderliche Welt dreht sich weiter. Sieben Mal kommt der Satz in Mann im Dunkel vor und hallt am Ende als Schlussakkord nach – «lakonisch, im Grunde abgedroschen und trotzdem zutiefst weise», meinte Jürgen Brôcan in seiner NZZ-Rezension (2.12.2008, 43). Die genaue Quelle wird im Roman nicht erwähnt, aber passenderweise stammt die Zeile aus einem Gedicht mit dem Titel «Closing Chords».


    Auster, Paul. Man in the Dark. London: Faber and Faber, 2009. 180 Seiten.
    Auster, Paul. Mann im Dunkel. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008. 220 Seiten.