Kategorie: Medientipp

  • Der Weg zum Erfolg

    Der Weg zum Erfolg

    Wenn wir uns auf einen Operationstisch legen oder in ein Flugzeug steigen, vertrauen wir uns lieber einer Chirurgin oder einem Piloten mit viel Erfahrung an. Übung macht schliesslich den Meister und die Meisterin. Darauf verlassen wir uns.  Wie die Expertiseforschung allerdings zeigt, lässt sich Meisterschaft nicht einfach in Übungsstunden und Berufsjahren messen. Und auch das Talent wird überbewertet.

    Übung macht den Meister – oder doch nicht?

  • Kritik als Kunst

    Kritik als Kunst

    «Wer hat je innegehalten, um die Form oder den Tonfall einer Rezension oder eines kritischen Essays zu bewundern?» Die Frage des New Yorker Filmkritikers Anthony Scott ist berechtigt. Besprechungen von Filmen, Büchern, Theateraufführungen, Konzerten oder Ausstellungen werden als Orientierungshilfe geschätzt, beeinflussen als Verriss oder Lobeshymne vielleicht den Erfolg eines Werks. Aber als eigene Kunstform, wie das schon der berühmte Kritiker und Journalist Alfred Kerr (1867–1948) gefordert hat, wird die Kritik kaum gewürdigt.

    Dazu passt auch Ernest Hemingways Bemerkung in A Moveable Feast, als er einem Freund den Rat gibt: «Pass auf, wenn du nicht schreiben kannst – wie wär’s, wenn du’s mal mit Rezensionen versuchen würdest? […] Dann hast du immer was zu schreiben. Du brauchst dir nie mehr Sorgen zu machen, dass nichts mehr kommt, dass du stumm und still geworden bist. Und du hast Leser und Anerkennung.»

    Ernest Hemingway in Paris, ein Fest fürs Leben. Deutsch von Werner Schmitz. (Rowohlt 2011)
    A. O. Scott, Kritik üben: Die Kunst des feinen Urteils. Deutsch v. Martin Pfeiffer. München: Carl Hanser, 2017.

    Noch immer haftet der Kritik das Image der Unkreativität an. Ohne all die kreativen Beiträge, heisst es gerne, hätten die Kritikerinnen und Kritiker gar nichts, worüber sie schreiben könnten. Ausserdem, so Scott, bedeutet kritisieren für viele, «dass man etwas auszusetzen hat, dass man das Negative betont, den Spass verdirbt und sich weigert, auf empfindliche Gefühle Rücksicht zu nehmen.» Dabei sollte man sich für die Kritik durchaus stark machen, wie das in diesem anregenden und aufschlussreichen Buch geschieht. Im Zeitalter der Meinungsmache und Gefällt-mir-Klicks geht gern vergessen, dass Kritik nicht nur Stellung bezieht, sondern Massstäbe anlegt, ohne die ein begründetes Urteil gar nicht möglich ist. Kritik schärft die Wahrnehmung und ebnet den Weg für einen Diskurs.

    In seinen Ausführungen und ironischen Selbstgesprächen schüttet Anthony Scott nicht nur sein Herz aus, sondern zeigt auf, welch wichtige Rolle die Kritik seit Jahrhunderten spielt. Viele bedeutende Kritiker, wie die Kulturgeschichte belegt, waren selbst Künstler und umgekehrt. Charles Baudelaire schrieb über moderne Malerei, der Lyriker Philip Larkin über Jazz. Auch Regisseure wie Godard, Chabrol oder Truffaut haben als Filmkritiker angefangen. Das mögen Ausnahmeerscheinungen sein, wie Scott eingesteht, aber in erster Linie sei die Kritik eine «Disziplin des Schreibens» und der Kritiker «eine besondere Spezies der Gattung Schriftsteller». Etwas heruntermachen, bemängeln und anfeinden ist keine Kunst, gute Kritik jedoch erfordert Argumente, klare Begriffe und vor allem Unterscheidungsmerkmale, sprich: Kriterien. Über Geschmack lässt sich nicht streiten – über Kritik schon.

  • Die Zeit im Rückwärtsflug – Mister Write goes to …

    Die Zeit im Rückwärtsflug – Mister Write goes to …

    TheDigitalArtist / Pixabay

    Fiktion kann mit der Zeit umspringen, wie sie will. Zeitverläufe werden beim Erzählen nicht nur gedehnt und gerafft oder durch Rückblenden und Vorgriffe unterbrochen. In F. Scott Fitzgeralds Novelle Der seltsame Fall des Benjamin Button (dt. v. Christa Schuenke; Orig. The Curious Case of Benjamin Button) kommt ein Kind in Gestalt eines siebzigjährigen Greises zur Welt und entwickelt sich über die Jahre körperlich und geistig zurück bis zum Baby.

    «Eingewickelt in eine bauschige weisse Decke und halbwegs hineingestopft in eines der Bettchen, hockte dort ein alter Mann von augenscheinlich etwa siebzig Jahren. Er hatte schütteres, nahezu weisses Haar, und von seinem Kinn hing ein langer, rauchgrauer Bart, der in dem durchs Fenster hereinkommenden Luftzug irrwitzig hin und her wehte. Mit einem ratlosen, fragenden Blick in den trüben, verwaschenen Augen schaute er hinauf zu Mr. Button.»

    Während sich die Zeit kontinuierlich vorwärts bewegt, läuft sie für Benjamin Button rückwärts. Bis er sich schliesslich  an nichts mehr erinnern kann.

    «Dann gab es nur noch Dunkelheit, und sein weisses Bettchen, die verschwommenen Gesichter, die sich über ihn beugten, der warme, süsse Duft von Milch – all das verblasste und schwand endlich ganz und gar aus seiner Erinnerung.»

    Einen erzähltechnischen und perspektivischen Schritt weiter geht Martin Amis in seinem Roman Pfeil der Zeit (dt. v. Alfons Winkelmann; Orig. Time’s Arrow). Hier läuft die Zeit mit der Geschichte rückwärts.

    «Todd Friendly liegt in einem amerikanischen Krankenhaus im Sterben, doch mit dem Tod beginnt sein Leben rückwärts zu laufen, bis er schließlich in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wieder im Mutterleib verschwindet. Stationen sind eine erfolgreiche Tätigkeit als Mediziner in Amerika, die Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg aus Europa sowie – Schlüssel zu seinem Leben – die Zeit als Arzt in einem KZ.»

    Für seine erzählerische Kühnheit und die virtuose Gestaltung der Zeitumkehrung gebührt Martin Amis der vierte «HC Award for Special Achievement in Literary Fiction» (benannt nach dem schweizerisch-kanadischen Literaturwissenschaftler Herman Couzens). Auf eindrückliche Weise und mit narrativer Konsequenz erzählt Amis im Time’s Arrow «das Leben eines Nazikriegsverbrechers vom Augenblick seines Todes rückwärts bis zu seiner Geburt […], mit anfangs komisch-grotesker Wirkung und dann zunehmend beunruhigt und beunruhigend, als die Geschichte sich den Schrecken des Holocausts nähert» (wie David Lodge in seiner Kunst des Erzählens festhält; übers. v. Daniel Ammann).

  • Nach einer wahren Geschichte

    Nach einer wahren Geschichte

    Wenn ein Film oder eine TV-Serie ankündigt, alles beruhe auf einer wahren Geschichte (nur die Namen seien geändert worden, um die Opfer zu schützen), so ist dieser Hinweis stets mit Vorsicht zu geniessen. Man möchte sogar behaupten, es handle sich dabei um ein Fiktionalitätssignal erster Ordnung. In Roman Polanskis Film nach einem Roman von Delphine de Vigan ist das nicht anders.

    Die Schriftstellerin Delphine (Emmanuelle Seigner) hat mit einem Schlüsselroman einen grossen Coup gelandet. Bei einer Signierstunde auf der Pariser Buchmesse stehen die Leute Schlange und versichern der sichtlich erschöpften Autorin ein ums andere Mal, wie aussergewöhnlich und beeindruckend ihre Geschichte sei. Aber der autobiografische Roman trägt Delphine auch Kritik ein. In einem anonymen Brief wird ihr vorgeworfen, sie hätte ihre Mutter verkauft und ihre Familiengeschichte zu Geld gemacht. «Glaubst du, du kommst einfach so davon, weil du dein Buch einen Roman nennst und weil du ein paar Namen geändert hast?» Als Nächstes möchte Delphine eine erfundene Geschichte erzählen. Aber sie steckt fest. Auch ihre neue Freundin L. (Eva Green), die sie nach der Lesung kennengelernt hat, versucht mit allen Mitteln, Delphine von ihrem Vorhaben abzubringen und stattdessen ihre wahre Geschichte zu schreiben. «Du willst ja nur deshalb zur Fiktion zurückkehren, weil du dein verborgenes Buch nicht schreiben willst.»

    Nach und nach mutiert die geheimnisvolle L. («elle») zur dämonischen Muse, die Delphine psychisch unter Druck setzt und ihr Leben zunehmend an sich reisst. Am Ende scheint zwar Normalität einzukehren, aber was Wahrheit und was Einbildung ist, bleibt Spekulation. Delphines Lektorin ist vom neuen Buch begeistert. Aber wer hat es geschrieben?

    Daniel Ammann
    Erschienen in: Akzente 4 (28.11.2017): Online-Ausgabe.
     Als PDF zum Download 


    Nach einer wahren Geschichte. (D’après une histoire vraie.) Frankreich/Polen/Belgien 2017. Regie: Roman Polanski.
    Berlin: Studiocanal Home Entertainment (Arthaus) 2018. DVD.

    Delphine de Vigan. Nach einer wahren Geschichte.
    Aus dem Französischen von Doris Heinemann. Köln: DuMont, 2017. 348 Seiten.

  • Auktorial-suggestive Audiodeskription – Mister Write goes to …

    Auktorial-suggestive Audiodeskription – Mister Write goes to …

    Der dritte «HC Award for Special Achievement in Literary Fiction»  (benannt nach dem schweizerisch-kanadischen Lite­ratur­wissenschaftler Herman Couzens) geht an Julia von Lucadou für den Prolog  in ihrem Roman Die Hochhausspringerin (Berlin: Hanser, 2018).

    Was ist an diesem Romananfang so bestechend und aussergewöhnlich?
    Als die Autorin im Rahmen von Stadtlesen St. Gallen am 11. August aus ihrem soeben erschienenen Buch vorlas, war ich von diesem Einstigg und seinem ganz besonderen Erzählton sofort gefesselt. Bald wusste ich, wie ich ihn charakterisieren müsste und habe dafür den folgenden Begriff geprägt: auktorial-suggestive Audiodeskription.

    Die promovierte Filmwissenschaftlerin Julia von Lucadou erschafft auf den ersten Seiten ihres Romans eine Erzählinstanz, die uns entschlossen an der Hand nimmt und durch die Szene führt. Dieser betont auktoriale Gestus ist aus zahlreichen Romanen bekannt, auch wenn er etwas aus der Mode geraten ist. Die Autorin verleiht dem Ganzen zudem einen postmodernen (oder doch wenigstens medienreflexiven) Touch. Der «Geist der Erzählung» (ein Begriff von Thomas Mann) adressiert uns hier direkt. Einerseits beschreibt seine Stimme, was sich vor unseren Augen abspielt (ganz im Sinne der Audio­deskription, wie wir sie von Hörfimen kennen). Andererseits erweist sie sich als ausgesprochen dominant und oppressiv, indem sie die Leserinnen und Leser nicht nur zur Betrachtung einlädt, sondern diesen vorschreibt, worauf sie ihr Augenmerk zu richten haben und wie sie das Gesehene deuten und bewerten sollen.

    Aus Ihrer Sicht ist die Welt rund und glatt. Geniessen Sie diese Gleichmässigkeit, stellen Sie sich vor, dass sie nur für Sie existiert.

    Das hat anfangs etwas kühl Deskriptives, erinnert entfernt an den neutral beobachtenden «Camera-Eye»-Stil. Aber während es bei Christopher Isherwood heisst «Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, nehme nur auf, registriere nur, denke nichts», geht Julia von Lucadous Stimme einen Schritt weiter. Sie dirigiert unser Auge wie ein Kameraobjektiv und bedient sich filmtechnischer Begriffe.

    Zoomen Sie nun ein wenig näher heran. Sie können Fehler in der Gleichmässigkeit der Erdoberfläche erkennen, Erhebungen und Senken. Sie bilden ein weiches, wellenförmiges Relief, die Wechsel von Rot zu Blau zu Braun ergeben ein meliertes Muster.

    Diese Stimme schmeichelt sich subversiv ein, ohne die Deutungshoheit aus der Hand zu geben.

    Zoomen Sie also ruhig weiter heran, haben Sie keine Scheu, er steht Ihnen zu, dieser Blick.

    Aber der Ton bleibt dominant und eindringlich. Letztlich haben wir keine andere Wahl, als uns ihren Aufforderungen und Anweisungen Folge zu leisten.

    Nehmen Sie jetzt wieder Abstand, zoomen Sie langsam hinaus, sachte, ohne Wackler, so dass die Bewegung dem Auge angenehm bleibt.

    Sogar mehr als das. Die suggestiven Regieanweisungen gewinnen etwas irritierend Übergriffiges. Die Erzählstimme zeigt uns nicht einfach eine Szene, die wir nach Gutdünken betrachten und in Ruhe aufnehmen können. Sie bedrängt uns, drängt sich auf und dringt in uns ein. Von Beginn weg werden wir dirigiert und manipuliert. Dieses Verfahren zwingt uns nicht nur einen voyeuristischen Blick auf, es schreibt uns vor, was wir denken und fühlen sollen. Selbst unsere emotionale Reaktion, mentale Kommentare und Assoziationen werden diktiert:

    Betrachten Sie das Gesicht der Frau. Was für ein Gesicht, denken Sie, so symmetrisch, als habe man nur eine Gesichtshälfte erschaffen und diese dann gespiegelt.

    Dieser göttlich-suggestiven Autorität müssen wir uns bedingungslos unterwerfen … und halten uns am Ende gar selbst für auktorial.

    Jetzt, in diesem Moment, da Sie sich langsam aus der Welt zurückziehen, gibt es keinen Tod, nur Leben.

  • Juxtaposition: Under the Typewriter

    Juxtaposition: Under the Typewriter

    Reviewing Rebel in the Rye, Danny Strong’s biopic about J.D. Salinger and the genesis of his exceptional novel The Catcher in the Rye, film critic Carrie Rickey states that «few movie genres are more challenging to the filmmaker than the literary biopic» (Truthdig, 8. Sept. 2017). On the whole, she finds the movie «singularly un-cinematic» and points out that «struggling for a new angle on the writer at his instrument, Strong puts the camera under Salinger’s typewriter, framing the writer’s face through the keys.»

    Not quite true. We’ve seen something similar before … namely in Wim Wender’s semifictional biopic Hammett (based on Joe Gores’ novel by the same title).

  • Lesen auf eigene Gefahr

    Lesen auf eigene Gefahr

    Widerwillig begibt sich die Schulklasse in die miefige Stadtbibliothek. Eine unscheinbare Autorin beginnt hinter einem Vorhang fettiger Haare zu lesen. Keiner hört richtig zu, ausser der vierzehnjährigen Kim, die sich in der Geschichte sofort wiedererkennt. Das sind doch ihre Worte, ihre Gedanken! Diese Schriftstellerin hat ihr Leben geklaut.

    Was als Parodie und Kritik hilfloser Bildungsbeflissenheit beginnt, macht Alina Bronsky schon nach wenigen Seiten zu einem verstörenden Leseabenteuer. Für die Ich-Erzählerin Kim sind die Parallelen zu ihrem richtigen Leben eine Kampfansage. Sie muss der Sache auf den Grund gehen. Weil in dem Buch jedoch Dinge stehen, die erst passieren werden, traut sie sich gar nicht, bis zum Ende zu lesen. Kims beste Freundin Petrowna, eine körperlich wie geistig überragende Erscheinung, bleibt zwar skeptisch («Hast du überhaupt schon einmal ein Buch angefasst?»), entwickelt aber bald einen Plan, wie sich Kim aus den Fängen der Fiktion befreien kann. Um das Leben einer Romanfigur (und eines Mitschülers) zu retten, ist den beiden Teenagern jedes Mittel recht.

    Nach den dystopischen Fantasyromanen Spiegelkind und Spiegelriss (der letzte Teil der Trilogie steht noch aus) ist dies Alina Bronskys erstes «realistisches» Jugendbuch. Mit seinem frech-witzigen Erzählton und eigenwilligen Charakteren knüpft es direkt an Scherbenpark (2008) und Nenn mich einfach Superheld (2013) an. Beide Romane waren zwar in einem Programm für Erwachsene erschienen, erreichten mit ihren 17-jährigen Protagonisten aber auch ein jugendliches Publikum. Scherbenpark war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und wurde erfolgreich fürs Kino adaptiert.

    Für das etwas jüngere Zielpublikum zeichnet Alina Bronsky in ihrem neuen Roman ein weniger hartes Bild der Wirklichkeit. Dennoch haben ihre jugendlichen Heldinnen neben der Selbstfindung auch diesmal mit Scheidungseltern, sozialen Spannungen und kultureller Integration zu kämpfen. Und wiederum weisen Bildung und Freundschaft den Weg in eine bessere Welt.

    Daniel Ammann

    Erschienen in: NZZ am Sonntag 10.12.2017, Literaturbeilage «Bücher am Sonntag» Nr. 10, S. 13.


    Bronsky, Alina.
    Und du kommst auch drin vor.
    München: dtv, 2017. 190 Seiten.

  • Sprechende Handpuppen

    Sprechende Handpuppen

        

    Ein verschrobener Lehrer mit Flair für Sprachgeschichte und nordische Mythen besucht für sein Leben gern Beerdigungen. Da er die Verstorbenen nicht persönlich kennt, denkt er sich einfach Geschichten aus und gibt sich bei den Traueressen als vertrauten Freund der Fremden aus. Doch das ist nicht die einzige Marotte des einsamen Ich-Erzählers in Jostein Gaarders neuem Roman Ein treuer Freund (Hanser 2017). Auch Jacops langjähriger Weggefährte und Vertrauter ist nicht von dieser Welt. Bei Pelle handelt es sich um eine sorgfältig gestaltete Handpuppe, die sich die Stimme ihres Besitzers ausleiht und diesen mit ihrer frechen Art ab und zu in Verlegenheit bringt.


    Screenshot aus The Beaver (Mel Gibson und Jodie Foster).

    Der depressive Spielzeughersteller Walter Black (Mel Gibson) in Jodie Fosters Spielfilm The Beaver (USA 2011) findet nach einem Zusammenbruch ebenfalls Trost bei einer Handpuppe. Die Biber-Figur mit Cockney-Akzent übernimmt für den verstummten Walter aber nicht nur das Sprechen, sondern stellt sein ganzes Leben auf den Kopf. So weiss sich Walter am Ende nur noch durch eine drastische Aktion von seinem tyrannischen Fantasiefreund zu befreien.


    Screenshot aus What About Bob? (Richard Dreyfuss und Kathryn Erbe).

    Dass wir in Gegenwart von Marionetten, Kasperlefiguren und Bauchrednerpuppen Hemmungen und Widerstände ablegen, macht sich auch Dr. Leo Marvin (Richard Dreyfuss) in What About Bob? zunutze (USA 1991). Die Leitfigur mit den Gesichtszügen des Psychiaters kommt zum Einsatz, als dieser seine grosse Tochter zu therapieren versucht. Sie bietet ihm mit ihrer eigenen Puppe Paroli, bevor sie die Doppelgängerin wütend von sich weist und davonstürmt.

    Daniel Ammann

    Erschienen in: Akzente 3 (2017): S. 35 und online.

    Siehe auch «Panoptikum der Phantasiegefährten» in der NZZ vom 26./27.9.2015: S. 51–51.

  • Genie am Werk

    Genie am Werk

    Genius – Die tausend Seiten einer Freundschaft. USA 2016. Regie: Michael Grandage. Mit Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman, Laura Linney. Zürich: Ascot Elite Home Entertainment, 2017. DVD.

    Spielfilme über Schriftsteller und das Schreiben gibt es zu Hauf. Aber meistens wird in diesen Filmen wenig bis gar nicht geschrieben.In kurzen Sequenzen hämmern Autorinnen und Autoren auf die Tasten der Schreibmaschine oder kritzeln in einem Schreibanfall Papiere voll. Über die langwierigen und wechselhaften Schreibprozesse und darüber, wie ein guter Text entsteht, ist aus solchen Annäherungen in der Regel wenig zu erfahren. Eine Ausnahme bilden jene Biopics, die einen Schriftsteller oder eine Schriftstellerin ins Zentrum rücken und deren Suche nach einer eigenständigen Stimme und den Kampf um literarische Anerkennung näher beleuchten. Genius von Michael Grandage ist so ein Beispiel, auch wenn der Film dann eher für ein Publikum von Interesse ist, das sich für den eigenwilligen Schriftsteller Thomas Wolfe (Jude Law), dessen Lektor Max Perkins (Colin Firth) oder für die US-amerikanische Literaturgeschichte der ausgehenden 1920er-Jahre interessiert.


    Max Perkins (1884–1947) hat beim New Yorker Verlagshaus Charles Scribner’s Sons belletristische Grosskaliber wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald aufgebaut und seinen Autoren auch bei Gegenwind die Treue gehalten. Auf der Grundlage von A. Scott Bergs Biografie Max Perkins: Editor of Genius zeichnet der Film Stationen des Ausnahmetalents Thomas Wolfe auf dem Weg zum Erfolg und bis zu seinem frühen Tod 1938 nach. Im Zentrum steht dabei die enge Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen dem impulsiven Autor und seinem legendären Lektor. Genius erzählt, wie Perkins den jungen Wolfe 1929 unter seine Fittiche nimmt und dessen spätere Erfolge Look Homeward, Angel (1929; dt. Schau heimwärts, Engel) und Of Time and the River (1935; dt. Von Zeit und Fluss) herausbringt. Doch vorerst müssen die überbordenden Manukripte massiv gekürzt und in marktfähige Bücher verwandelt werden. Keine leichte Aufgabe, selbst für den erfahrenen Verlagsmann, denn Wolfe hängt an seinen Formulierungen und ist immer wieder versucht, seinem umfangreichen Text noch weitere Absätze hinzuzufügen. Perkins muss den empfindsamen Autor schonend, aber bestimmt davon überzeugen, dass Umstellungen und Kürzungen notwendig sind, um aus dem Konvolut loser Blätter einen Roman zu destillieren. «Meine Aufgabe», betont er, «meine einzige Aufgabe ist es, dem Leser gute Bücher in die Hand zu geben.» Da müssen unter Umständen schon mal 300 Seiten geopfert werden, denn: «Wichtig ist nicht die Seitenzahl, sondern wie die Geschichte erzählt wird.»

    Daniel Ammann

    Erschienen in: Akzente 2 (23.5.2017): Online-Ausgabe.

  • Dialoge müssen sitzen

    Dialoge müssen sitzen

    Oliver Schütte. «Schau mir in die Augen, Kleines»: Die Kunst der Dialoggestaltung. Konstanz u. München: UVK Verlagsgesellschaft, 2016. 278 Seiten.

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    Der Titel des handlichen und ansprechend gestalteten Taschenbuchs lässt aufhorchen. «Schau mir in die Augen, Kleines» – sagt das nicht Humphrey Bogart zu Ingrid Bergmann in «Casablanca»? In seinem Ratgeber zur Dialoggestaltung entlarvt Oliver Schütte den Satz zwar als Falschzitat, als Mythos, der nie in einem Film aufgetaucht sei. (Nach anderen Quellen entstammt der Ausspruch der ersten, ideologisch verstümmelten Synchronversion des Films.) In der deutschen Fassung von 1975 jedenfalls sagt Bogeys deutsche Stimme (Joachim Kemmer): «Ich seh dir in die Augen, Kleines». Wie dem auch sei: Laut Schütte hat der berühmte Ausspruch genau jene Qualitäten, die einen guten Dialogsatz auszeichnen: «Er ist kurz und prägnant. Und er verweist noch auf etwas anderes als das, was an der Oberfläche sichtbar ist.»
    Auch wenn sich Schüttes Lektionen in erster Linie an Drehbuchautorinnen und -autoren richten, profitieren all jene, die sich für das Erzählkino oder Literatur begeistern, deren künstlerische und narrative Qualitäten aufspüren, analysieren und beurteilen wollen. Hierfür sind auch Fragenkataloge, praktische Übungen, Literaturempfehlungen und ein Glossar mit zentralen Begriffen im Anhang von Nutzen. Manches, was der Autor über die Kunst der Dialoggestaltung sagt und anhand einschlägiger Beispiele aus Drehbüchern demonstriert, lässt sich nämlich auf andere Textsorten und Kommunikationssituationen übertragen. Was ist wichtig und wie kann diese Information im Dienste des erzählerischen Bogens verpackt und vermittelt werden? Passen Stil und Diktion zu Sprecher und Inhalt?
    Die kurzweilige Lektüre bietet nicht nur einen Einblick ins Handwerk des Drehbuchschreibens, sondern spricht zentrale Aspekte filmerzählerischer Dynamik an und lehrt uns so, besser hinzuhören und gutes Storytelling zu goutieren.

    Daniel Ammann

    Erschienen in: Akzente 3 (23.8.2016): Online-Ausgabe.