Kategorie: Übersetzen

  • Der letzte Satz: «Mann im Dunkel» von Paul Auster

    Der letzte Satz: «Mann im Dunkel» von Paul Auster

    «Yes, Dad, she says, studying her daughter with a worried
    look in her eyes, the weird world rolls on.»
    «Ja, Dad, sagt sie und betrachtet ihre Tochter aus  sorgenvollen
    Augen, die wunderliche Welt dreht sich weiter.»
    Paul Auster, Man in the Dark / Mann im Dunkel

    Paul Auster: Mann im DunkelNach einem Autounfall bleibt der 72-jährige Ich-Erzähler August Brill an den Rollstuhl gefesselt. Nachts liegt er wach und verdrängt schmerzhafte Erinnerungen, indem er sich eine Geschichte ausdenkt. «Nichts Besonderes», meint er, «aber solange ich mich damit beschäftige, muss ich schon nicht an die Dinge denken, die ich lieber vergessen möchte.» Man schreibt das Jahr 2007. Die Anschläge vom 11. September haben niemals stattgefunden, und statt im Irak wütet ein erbitterter Krieg im eigenen Land.

    Paul Auster lässt seinen hintergründigen Roman über menschliches Schicksal, Parallelwelten und die unbändige Kraft des Erzählens mit einem Satz von Rose Hawthorne enden. Sie war das jüngste von Nathaniel Hawthornes drei Kindern und Brills Tochter Miriam schreibt eine Biografie über sie. «Rose Hawthorne war keine besonders gute Dichterin, oder?», fragt Brill. «Nein», antwortet Miriam. «Ehrlich gesagt, war sie furchtbar schlecht.» Aber ein Satz aus ihrem Gedichtband Along the Shore hat es beiden angetan: «The weird world rolls on.»

    Bei Rose Hawthorne lautet die Stelle: «As the weird earth rolls on». Ist es Zufall oder Absicht, dass Auster diese eine Zeile mit einem Stabreim aufwertet? In der deutschen Übersetzung von Werner Schmitz wird daraus sogar eine dreifache Alliteration: Die wunderliche Welt dreht sich weiter. Sieben Mal kommt der Satz in Mann im Dunkel vor und hallt am Ende als Schlussakkord nach – «lakonisch, im Grunde abgedroschen und trotzdem zutiefst weise», meinte Jürgen Brôcan in seiner NZZ-Rezension (2.12.2008, 43). Die genaue Quelle wird im Roman nicht erwähnt, aber passenderweise stammt die Zeile aus einem Gedicht mit dem Titel «Closing Chords».


    Auster, Paul. Man in the Dark. London: Faber and Faber, 2009. 180 Seiten.
    Auster, Paul. Mann im Dunkel. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008. 220 Seiten.

  • Übersetzen schärft die Sinne

    Übersetzen schärft die Sinne

    Wir hoffen immer auf die beste und ultimative Übersetzung. Aber die gibt es nicht. Oder allenfalls nur für den Moment. Deshalb brauchen gute Bücher mehrere oder sogar ganz viele Übersetzungen. Der galoppierende Flaubert war nur ein Beispiel.

    David Lodge: Die Kunst des Erzählens (Zürich: Haffmans, 1993)Als ich 1993 an der Übersetzung von David Lodges The Art of Fiction arbeitete, war das Internet noch keine Hilfe. Lodge beginnt jedes thematische Kapitel mit einem oder mehreren Zitaten aus der englischen oder amerikanischen Literatur. Da die meisten dieser Texte in deutscher Übersetzung vorlagen, habe ich in Bibliotheken und Buchandlungen herumgestöbert und versucht, die entsprechenden Textpassagen ausfindig zu machen. Sie sollten den Ton wiedergeben, den Leserinnen und Leser in den deutschen Ausgaben antreffen. Die Aufgabe war nicht ganz einfach, weil nur Autor und Titel, aber nicht das betreffende Kapitel oder gar eine Seitenzahl angegeben war. So habe ich zuerst im Original nach der zitierten Textstelle gesucht und mir nachher eine deutsche Übersetzung besorgt. Nebenbei bemerkt: Mit dem bescheidenen Seitenhororar des Übersetzers wird dieser Rechercheaufwand kaum gebührend entschädigt. Die detektivische Spurensuche war dafür anregend und bot eine gesunde Abwechslung zur Schreibtischarbeit.
    Der Haken war allerdings, dass die mühsam aufgetriebenen Passagen dann oft doch nicht passten. So fehlen zum Beispiel in der Salinger-Übersetzung von Heinrich Böll ausgerechnet jene Charakteristiken, auf die Lodge in seinem Kapitel über Teenagersprache eingeht. Ich hatte also zwei Möglichkeiten: Entweder ich übersetzte den Text nun doch selber oder versuchte die bestehende Version dahingehend zu frisieren, dass sie dem Kommentar gerecht wurde.
    Heute wäre die Arbeit etwas einfacher. Zum einen können viele der Übersetzungen im Netz recherchiert, konsultiert und verglichen werden, zum anderen erlauben digitale Versionen eine Volltextsuche. Und zu guter Letzt: Einige der von Lodge angeführten Texte liegen inzwischen in frischen Übertragungen vor. Zum Glück auch Salinger.

    Übersetzen schärft die Sinne: In weiteren Beiträgen dieser Kategorie möchte ich an ausgewählten (und nicht nur eigenen) Beispielen zeigen, was die Schönheiten und Schwierigkeiten der Übersetzungsarbeit ausmacht.