Kategorie: Schreiben

  • Underwood

    Underwood

    underwood«On the desktop there was an old manual Underwood with a piece of paper rolled into the carriage, a paragraph arrested in midphrase, and beside the typewriter a neat pile of paper, the uppermost sheet half covered in single-spaced text.»
    Michael Chabon, Wonder Boys
    «Auf der Schreibtischplatte stand eine alte mechanische Underwood, in die ein Blatt Papier eingespannt war, beschrieben mit einem Text, der mitten im Satz abbrach, und neben der Schreibmaschine lag ein Stapel Papier, dessen oberstes Blatt zur Hälfte mit einem in einzeiligem Abstand getippten Text bedeckt war.»
    Michael Chabon, Wonder Boys (dt. v. Hans Hermann)

     

  • The Importance of Circumstantial Detail

    The Importance of Circumstantial Detail

    knausgaardIn his talk with Karl Ove Knausgaard at a Guardian Live Book event earlier this year, interviewer John Mullan elaborates on «the importance of circumstantial detail» in literature – not just in Knausgaard’s autobiographical series of novels, but ever since the inception of the British novel in the 18th century. To conjure up and create presence Knausgaard resorts to details. James Wood, in How Fiction Works, comes to similar conclusions when he analyses Flaubert’s realistic method – or rather: his artificial realism. «Life is amorphously full of detail», he argues, «whereas literature teaches us to notice.» In other words: «Literature makes us better noticers of life; […] which in turn makes us better readers of detail in literature; which in turn makes us better readers of life.»

    The key to remembering, for Knausgaard, is to describe the physical world, and by writing about and focusing on the past he finds access to a world that seemed forgotten or lost. This seems to work for his readers as well, or they wouldn’t find his novels addictive. However, the question is: Are there too many – irrelevant or dysfunctional – details? Wood might answer yes, as for him «the artifice lies in the selection of detail.» Or is Knausgaard’s just another (extremist or excessive) form of conventional realism? Can such an abundance of detail achieve what Hemingway – at the other end of the spectrum – tried to bring off by «searching for the unnoticed things that made emotions», purposefully leaving out «the underwater part of the iceberg», as he aptly put it in his Paris Review interview 60 years ago?

  • Embarras de richesse

    Embarras de richesse

    WonderBoys_GradyThe more I think and write about Michael Chabon’s wonderful novel Wonder Boys and the movie by the same title, the more I feel infected and, for that matter, inflicted by his protagonist’s embarras de richesse – flooded with grandiose ideas, trenchant quotes and highfalutin intentions. «The only part of my world that carried on, inalterable and permanent, was Wonder Boys. I had the depressing thought, certainly not for the first time, that my novel might well survive me unfinished», says I-Narrator Grady Tripp.
    But unlike him I am determined to gain the upper hand. After all, it is Michael Chabon himself who (supposedly) said: «You need three things to become a successful novelist: talent, luck and discipline. Discipline is the one element of those three things that you can control, and so that is the one that you have to focus on controlling, and you just have to hope and trust in the other two.» And, luckily, I am not working on a novel – this time.

     

    Siehe auch den Beitrag «Verwirrung durch Überfülle».

  • Das Antezitat

    Das Antezitat

    Texte spielen nicht nur auf Vergangenes an, sie greifen gelegentlich auch vor. Die Kunst ahmt die Wirklichkeit (und andere Kunst) nach, aber – wie schon Oscar Wilde festgestellt hat – das Leben ahmt mitunter die Kunst nach. Das gilt nicht nur für visionär-prophetische Texte oder Science-Fiction. Sprachliche Vorwegnahme und Vorgriffe auf die Zukunft sind an der Tagesordnung. Wir lesen über die Liebe, bevor wir uns verlieben, kennen fremde Länder aus Fotografien und Filmen, bevor wir selbst dort waren.

    Geschichten zeigen uns Muster, die wir dann in der Wirklichkeit entdecken, und sie beschreiben Erfahrungen, die uns noch bevorstehen. Jenseits sich selbst erfüllender Prophezeiungen gibt es aber noch etwas, was ich unter dem Begriff «Antezitat» fassen möchte. Eine Textstelle oder eine Szene in einem Film präsentiert uns etwas, das erst später Wirklichkeit wird, das wir rückblickend jedoch als Anspielung oder Zitat deuten.

    Antezitat

    Im Roman The Hours (1998; dt. Die Stunden) von Michael Cunningham blickt Clarissa, eine der Hauptfiguren, aus dem Fenster eines Blumenladens und glaubt draussen eine berühmte Schauspielerin entdeckt zu haben: Meryl Streep oder Vanessa Redgrave. In der Filmadaption des Romans wird Clarissa von Meryl Streep gespielt. Die beschriebene Szene fehlt im Film ebenso wie ein Teil des vorangehenden Dialogs. Clarissa erzählt der Ladenbesitzerin, dass sie für einen Freund eine Party organisiert, weil dieser mit einem bedeutenden Literaturpreis geehrt wird. Die Blumenverkäuferin fragt, ob es der Pulitzer-Preis sei. Ein weiteres Antezitat, denn Michael Cunningham hat für eben diesen Roman 1999 den Pulitzer erhalten.

    Manchmal geht es auch daneben. Dan Brown vergleicht seinen Zeichenforscher Robert Langdon in The Da Vinci Code mit Harrison Ford, aber in der Verfilmung des Romans hat Tom Hanks die Rolle bekommen.

    Die Wirklichkeit ahmt die Kunst nach. Aber sie lässt sich nicht darauf behaften.

  • Die Entdeckung der Langsamkeit

    Die Entdeckung der Langsamkeit

    Wenn es um die Mühsal des Schreibens geht, jammern selbst erfahrene Autoren auf hohem Niveau. Wie beschwerlich muss es erst sein, wenn man um jeden einzelnen Buchstaben ringt. Jean­-Dominique Bauby erleidet mit 43 einen Hirnschlag und bleibt vollständig gelähmt. Wahrnehmung und Denken sind intakt, aber eingesperrt in seinem Körper kann er nicht mit der Aussenwelt kommunizieren. Ein Auge muss zugenäht werden, mit dem anderen kann er noch blinzeln. Mit Hilfe einer Alphabettabelle gelingt es Bauby, ein ganzes Buch zu diktieren. In Schmetterling und Taucherglocke beschreibt er seinen Zustand und blickt auf sein bisheriges Leben zurück. Regisseur Julian Schnabel hat Baubys Geschichte 2007 verfilmt und zeigt in starken Bildern, wie der Autor seine Ohnmacht überwindet und allen Widerständen zum Trotz und mit Humor erzählt.

    Auch Stephen Hawking hat trotz seiner degenerativen Nervenerkrankung zahlreiche Bücher verfasst, wie im Biopic The Theory of Everything zu sehen ist. Als der junge Physiker im Rollstuhl sitzt und nicht mehr sprechen kann, ermöglicht ihm ein Computer, per Knopfdruck etwa vier Wörter pro Minute zu produzieren.

    lambert_Sprechende_Haende_webWeit grösser waren die Hindernisse für die Helen Keller (1880–1968), die seit ihrem zweiten Lebensjahr blind und gehörlos war. Nur dank ihrer engagierten Erzieherin und Hauslehrerin Annie Sullivan schaffte sie den Weg aus der Isolation und erlangte mit ihren Büchern Weltruhm. In seiner preisgekrönten Graphic Novel Sprechende Hände zeichnet Joseph Lambert Helens bewegende Geschichte nach und gibt Einblick in die einzigartige Beziehung zwischen Lehrerin und Schülerin.

    Daniel Ammann

    Erschienen in: Akzente 1 (2016): S. 35.


    Bauby, Jean-Dominique. Schmetterling und Taucherglocke. Deutsch v. Uli Aumüller. München: dtv, 2009 (1998). 134 Seiten.
    Le scaphandre et le papillon. (Schmetterling und Taucherglocke.) Frankreich/USA 2007. Regie: Julian Schnabel.

    The Theory of Everything. (Die Entdeckung der Unendlichkeit: die aussergewöhnliche Geschichte von Jane und Stephen Hawking.) GB 2014. Regie: James Marsh. Zürich: Universal Pictures Switzerland, 2015. DVD.

    Lambert, Joseph. Sprechende Hände: Die Geschichte von Helen Keller. Aus dem Amerikanischen von Johanna Wais. Köln: Egmont Graphic Novel, 2015. 96 Seiten.