Kategorie: Stil

  • Die Zeit im Rückwärtsflug – Mister Write goes to …

    Die Zeit im Rückwärtsflug – Mister Write goes to …

    TheDigitalArtist / Pixabay

    Fiktion kann mit der Zeit umspringen, wie sie will. Zeitverläufe werden beim Erzählen nicht nur gedehnt und gerafft oder durch Rückblenden und Vorgriffe unterbrochen. In F. Scott Fitzgeralds Novelle Der seltsame Fall des Benjamin Button (dt. v. Christa Schuenke; Orig. The Curious Case of Benjamin Button) kommt ein Kind in Gestalt eines siebzigjährigen Greises zur Welt und entwickelt sich über die Jahre körperlich und geistig zurück bis zum Baby.

    «Eingewickelt in eine bauschige weisse Decke und halbwegs hineingestopft in eines der Bettchen, hockte dort ein alter Mann von augenscheinlich etwa siebzig Jahren. Er hatte schütteres, nahezu weisses Haar, und von seinem Kinn hing ein langer, rauchgrauer Bart, der in dem durchs Fenster hereinkommenden Luftzug irrwitzig hin und her wehte. Mit einem ratlosen, fragenden Blick in den trüben, verwaschenen Augen schaute er hinauf zu Mr. Button.»

    Während sich die Zeit kontinuierlich vorwärts bewegt, läuft sie für Benjamin Button rückwärts. Bis er sich schliesslich  an nichts mehr erinnern kann.

    «Dann gab es nur noch Dunkelheit, und sein weisses Bettchen, die verschwommenen Gesichter, die sich über ihn beugten, der warme, süsse Duft von Milch – all das verblasste und schwand endlich ganz und gar aus seiner Erinnerung.»

    Einen erzähltechnischen und perspektivischen Schritt weiter geht Martin Amis in seinem Roman Pfeil der Zeit (dt. v. Alfons Winkelmann; Orig. Time’s Arrow). Hier läuft die Zeit mit der Geschichte rückwärts.

    «Todd Friendly liegt in einem amerikanischen Krankenhaus im Sterben, doch mit dem Tod beginnt sein Leben rückwärts zu laufen, bis er schließlich in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wieder im Mutterleib verschwindet. Stationen sind eine erfolgreiche Tätigkeit als Mediziner in Amerika, die Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg aus Europa sowie – Schlüssel zu seinem Leben – die Zeit als Arzt in einem KZ.»

    Für seine erzählerische Kühnheit und die virtuose Gestaltung der Zeitumkehrung gebührt Martin Amis der vierte «HC Award for Special Achievement in Literary Fiction» (benannt nach dem schweizerisch-kanadischen Literaturwissenschaftler Herman Couzens). Auf eindrückliche Weise und mit narrativer Konsequenz erzählt Amis im Time’s Arrow «das Leben eines Nazikriegsverbrechers vom Augenblick seines Todes rückwärts bis zu seiner Geburt […], mit anfangs komisch-grotesker Wirkung und dann zunehmend beunruhigt und beunruhigend, als die Geschichte sich den Schrecken des Holocausts nähert» (wie David Lodge in seiner Kunst des Erzählens festhält; übers. v. Daniel Ammann).

  • Auktorial-suggestive Audiodeskription – Mister Write goes to …

    Auktorial-suggestive Audiodeskription – Mister Write goes to …

    Der dritte «HC Award for Special Achievement in Literary Fiction»  (benannt nach dem schweizerisch-kanadischen Lite­ratur­wissenschaftler Herman Couzens) geht an Julia von Lucadou für den Prolog  in ihrem Roman Die Hochhausspringerin (Berlin: Hanser, 2018).

    Was ist an diesem Romananfang so bestechend und aussergewöhnlich?
    Als die Autorin im Rahmen von Stadtlesen St. Gallen am 11. August aus ihrem soeben erschienenen Buch vorlas, war ich von diesem Einstigg und seinem ganz besonderen Erzählton sofort gefesselt. Bald wusste ich, wie ich ihn charakterisieren müsste und habe dafür den folgenden Begriff geprägt: auktorial-suggestive Audiodeskription.

    Die promovierte Filmwissenschaftlerin Julia von Lucadou erschafft auf den ersten Seiten ihres Romans eine Erzählinstanz, die uns entschlossen an der Hand nimmt und durch die Szene führt. Dieser betont auktoriale Gestus ist aus zahlreichen Romanen bekannt, auch wenn er etwas aus der Mode geraten ist. Die Autorin verleiht dem Ganzen zudem einen postmodernen (oder doch wenigstens medienreflexiven) Touch. Der «Geist der Erzählung» (ein Begriff von Thomas Mann) adressiert uns hier direkt. Einerseits beschreibt seine Stimme, was sich vor unseren Augen abspielt (ganz im Sinne der Audio­deskription, wie wir sie von Hörfimen kennen). Andererseits erweist sie sich als ausgesprochen dominant und oppressiv, indem sie die Leserinnen und Leser nicht nur zur Betrachtung einlädt, sondern diesen vorschreibt, worauf sie ihr Augenmerk zu richten haben und wie sie das Gesehene deuten und bewerten sollen.

    Aus Ihrer Sicht ist die Welt rund und glatt. Geniessen Sie diese Gleichmässigkeit, stellen Sie sich vor, dass sie nur für Sie existiert.

    Das hat anfangs etwas kühl Deskriptives, erinnert entfernt an den neutral beobachtenden «Camera-Eye»-Stil. Aber während es bei Christopher Isherwood heisst «Ich bin eine Kamera mit offenem Verschluss, nehme nur auf, registriere nur, denke nichts», geht Julia von Lucadous Stimme einen Schritt weiter. Sie dirigiert unser Auge wie ein Kameraobjektiv und bedient sich filmtechnischer Begriffe.

    Zoomen Sie nun ein wenig näher heran. Sie können Fehler in der Gleichmässigkeit der Erdoberfläche erkennen, Erhebungen und Senken. Sie bilden ein weiches, wellenförmiges Relief, die Wechsel von Rot zu Blau zu Braun ergeben ein meliertes Muster.

    Diese Stimme schmeichelt sich subversiv ein, ohne die Deutungshoheit aus der Hand zu geben.

    Zoomen Sie also ruhig weiter heran, haben Sie keine Scheu, er steht Ihnen zu, dieser Blick.

    Aber der Ton bleibt dominant und eindringlich. Letztlich haben wir keine andere Wahl, als uns ihren Aufforderungen und Anweisungen Folge zu leisten.

    Nehmen Sie jetzt wieder Abstand, zoomen Sie langsam hinaus, sachte, ohne Wackler, so dass die Bewegung dem Auge angenehm bleibt.

    Sogar mehr als das. Die suggestiven Regieanweisungen gewinnen etwas irritierend Übergriffiges. Die Erzählstimme zeigt uns nicht einfach eine Szene, die wir nach Gutdünken betrachten und in Ruhe aufnehmen können. Sie bedrängt uns, drängt sich auf und dringt in uns ein. Von Beginn weg werden wir dirigiert und manipuliert. Dieses Verfahren zwingt uns nicht nur einen voyeuristischen Blick auf, es schreibt uns vor, was wir denken und fühlen sollen. Selbst unsere emotionale Reaktion, mentale Kommentare und Assoziationen werden diktiert:

    Betrachten Sie das Gesicht der Frau. Was für ein Gesicht, denken Sie, so symmetrisch, als habe man nur eine Gesichtshälfte erschaffen und diese dann gespiegelt.

    Dieser göttlich-suggestiven Autorität müssen wir uns bedingungslos unterwerfen … und halten uns am Ende gar selbst für auktorial.

    Jetzt, in diesem Moment, da Sie sich langsam aus der Welt zurückziehen, gibt es keinen Tod, nur Leben.

  • Gendersprache

    Gendersprache

    «Spielt es eine Rolle, ob ein Wort Rock oder Hose trägt?»

    Typografische Verrenkungen machen die Welt nicht gerechter. Bei Lehrer*innen und Freund_innen werden die flexionslosen Männer sogar unterschlagen. Selbst Doppelnennungen sind nicht neutral, denn semantische Oppositionen unterstrei­chen den Gegensatz und schliessen alles aus, was dazwischenliegt. Als Sprach­mo­narch·in würde ich verfügen, dass wir uns wenigstens die Pluralformen teilen. Ob­gleich sie weiblich sind, wie ihre Pronomen zeigen. Zudem ist es diskriminierend, wenn weibliche Endungen nur an männliche angekoppelt werden. Das ist mehr Geschlecht als gerecht. Wer möchte denn Anhängsel sein?
    Aber spielt es eine Rolle, ob ein Wort Rock oder Hose trägt? Nehmen wir uns an Hoheiten (f), Gästen (m) und Mitgliedern (n) ein Beispiel und benennen dann beide (und mehr) Geschlechter, wenn sich im Kopf auch Bilder einstellen. Beim Lehrerzimmer geht es ums Zimmer, beim Schülerbuch ums Buch. Oder sagen wir Bäuerinnen- und Bauernhof und lassen die Tiere selbstredend weg? Bei aller Silbenakrobatik zählen in Texten schliesslich Kürze und Klang. Konzentrieren wir uns nebst Sexus und Genus auf Gehalt, Gesinnung und Genuss.
    Apropos Gleichbehandlung: Die Frau des Königs wird Königin tituliert. Der Gatte der Queen ist nur ein Prinz. Klingt nach ausgleichender Gerechtigkeit, aber der Grund ist ernüchternd: Ein König ist ranghöher als eine Königin. Wie es bei den Royals mit Lohngleichheit und Vaterschaftsurlaub aussieht, weiss ich hingegen nicht.

    Daniel Ammann
    Erschienen in: ph inside 1 (März 2018): S. 19.
    Zum Download.

  • The Importance of Circumstantial Detail

    The Importance of Circumstantial Detail

    knausgaardIn his talk with Karl Ove Knausgaard at a Guardian Live Book event earlier this year, interviewer John Mullan elaborates on «the importance of circumstantial detail» in literature – not just in Knausgaard’s autobiographical series of novels, but ever since the inception of the British novel in the 18th century. To conjure up and create presence Knausgaard resorts to details. James Wood, in How Fiction Works, comes to similar conclusions when he analyses Flaubert’s realistic method – or rather: his artificial realism. «Life is amorphously full of detail», he argues, «whereas literature teaches us to notice.» In other words: «Literature makes us better noticers of life; […] which in turn makes us better readers of detail in literature; which in turn makes us better readers of life.»

    The key to remembering, for Knausgaard, is to describe the physical world, and by writing about and focusing on the past he finds access to a world that seemed forgotten or lost. This seems to work for his readers as well, or they wouldn’t find his novels addictive. However, the question is: Are there too many – irrelevant or dysfunctional – details? Wood might answer yes, as for him «the artifice lies in the selection of detail.» Or is Knausgaard’s just another (extremist or excessive) form of conventional realism? Can such an abundance of detail achieve what Hemingway – at the other end of the spectrum – tried to bring off by «searching for the unnoticed things that made emotions», purposefully leaving out «the underwater part of the iceberg», as he aptly put it in his Paris Review interview 60 years ago?

  • Special Effects in Literary Fiction: «Mister Write» goes to …

    Special Effects in Literary Fiction: «Mister Write» goes to …

    Ich bin ein Close Reader. Beim Lesen schleift schon mal mein Augapfel übers Papier. Ich will wissen, wie Texte funktionieren. Wie macht das eigentlich die Literatur mit der Zeitlupe, der Nahaufnahme, den harten Schnitten und Spezialeffekten. Literaturpreise werden für einzelne Titel oder das Gesamtwerk verteilt, aber ich fände es durchaus angemessen, mal einen ausgewählten Aspekt eines Romans auszuzeichnen, vielleicht bloss eine einzige Textstelle, die etwas Besonderes zuwege bringt. Schliesslich freue ich mich als Leser über jede gelungene Alliteration, einen einfallsreichen Vergleich oder ein mot juste, erst recht aber über hintersinnige Dialoge, stilistische Pirouetten, einen raffinierten Plot Twist oder Beschreibungen von impressionistischer Perfektion.

    Ich werde meinen Preis den «HC Award for Special Achievement in Literary Fiction» nennen, inspiriert durch den Literatur- und Filmkritiker Herman Couzens. Die Idee ist gar nicht so abwegig und neu, immerhin gibt es bereits jede Menge Mock-Prizes wie etwa den «Bad Sex in Fiction Award» oder den «Bulwer-Lytton Fiction Contest» (BLFC), dessen Gewinner für den fürchterlichsten Romananfang ausgezeichnet werden. Warum sollen nicht auch Glanz- und Fehlleistungen in anderen Kategorien prämiert werden? Eine originelle Wortschöpfung, ein witziger Übersetzungsfehler, eine herausragende Formulierung, die es ins Zitatenlexikon schaffen sollte, oder der sprachliche Ausrutscher des Monats. Dafür gibt es dann – wie könnte er anders heissen – meinen «Mister Write».

    Damit wir die Latte nicht zu hoch legen und die Sache dann Monate vor uns her schieben, beginnen wir gleich mit einem ersten Beispiel. (Selbstverständlich hätte schon Flauberts galoppierender Satz diesen Preis verdient.)

    Im Jugendroman Bet empört sich erinnert sich die 17-jährige Titelheldin auf Seite 201 an ihre kleine Schwester Martina, für deren Tod sie sich noch immer die Schuld gibt.

    Christian Frascella: Bet empört sich (FVA 2015)
    Christian Frascella: Bet empört sich (FVA 2015)

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    «Anhand von Details stellen wir unseren Blick ein, machen wir unsere Eindrücke fest oder erinnern wir uns», schreibt Daniel Kehlmann im Vorwort zu  James Woods Buch Die Kunst des Erzählens. Gekonnt montiert Frascella Momentaufnahmen und erzielt dadurch eine eindrückliche komprimierende Wirkung.

    Für diese zeitraffende Montagesequenz in Bet empört sich geht der heutige «Mister Write» an den Turiner Autor Christian Frascella und seine deutsche Übersetzerin Annette Kopetzki.


    Frascella, Christian. Bet empört sich. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Frankfurt/M.: Frankfurter Verlagsanstalt, 2015. 286 Seiten. Ab 14 Jahren.
    Kurzrezension in «Bücher am Sonntag»
    , 28.6.2015, S. 12. 

    Wood, James. Die Kunst des Erzählens. Mit einem Vorwort von Daniel Kehlmann. Aus dem Englischen von Imma Klemm unter Mitwirkung von Barbara Hoffmeister. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2011.
    Kurzrezension «Lesen in Nahaufnahme» in ph akzente 1 (2012): S. 37.