Das Tau­to­gramm ist ein Text, in dem alle Wörter mit dem gle­ichen Buch­staben begin­nen. Alle. Aus­nahm­s­los. Also aufgepasst!

Zum ersten Mal bewusst auf ein Tau­to­gramm gestossen bin ich in David Lodges Aus­führun­gen in The Art of Fic­tion (Pen­guin 1992), das ich für den Haffmans Ver­lag über­set­zen durfte. In Kapi­tel 22 weist Lodge unter anderem auf den 1974 erschiene­nen exper­i­mentellen Roman Alpha­bet­i­cal Africa von Wal­ter Abish hin. Dieser begin­nt so:

Nur das erste und das let­zte Kapi­tel sind wirk­lich Tau­to­gramme. Im zweit­en Kapi­tel kommt näm­lich bere­its der Buch­stabe B ins Spiel, im drit­ten das C, und so weit­er, bis das Alpha­bet kom­plett ist. Dann wird kapitel­weise zurück­buch­sta­biert, bis wir am Schluss wieder bei A lan­den.

Zum Glück zitiert Lodge zur Illus­tra­tion nur einen kurzen Absatz, aber das ist für den uner­fahre­nen Über­set­zer Ammann Her­aus­forderung genug: «Aber­mals Afri­ka: Als Albert ankommt, angeregt argu­men­tiert, afrikanis­che Ausstel­lungskun­st abhan­delt, an afrikanis­ch­er Angst, aber auch, ach, aus­gerech­net Ashan­ti-Architek­tur angreift …» (Lodge, Die Kun­st des Erzäh­lens, S. 133).

Die Sache hat mich nie ganz los­ge­lassen, und irgend­wann wollte ich mich selb­st an ein­er tau­to­gram­ma­tis­chen Geschichte ver­suchen. Das Ergeb­nis find­et sich unter dem Titel «Ade­les Auf­stieg» in meinem kleinen Erzählband Der weisse Schat­ten (Mago­ria 2018, S. 39–42). Die Geschichte zählt 438 Wörter und begin­nt so:

Adele Abder­halden, Adop­tiv­tochter alteinge­sessen­er Apo­the­ker aus Affoltern am Albis, arbeit­et Anfang Achtziger­jahre aushil­f­sweise als Aupair­mäd­chen aris­tokratis­ch­er Aar­gauer. Angenehme Auf­gaben. Außer­dem aller­hand Annehm­lich­keiten: aparte Attika­woh­nung, aus­gedehntes Anwe­sen, Auto auf Abruf, allabend­licher Aus­gang. Ander­er­seits auf­reibend. Arbeit­ge­ber aus­ge­sprochen ange­tan, aber arro­gant. Auf­grund alter­tüm­licher Auf­fas­sun­gen Ade­les adrettes Aus­sehen als Auffor­derung aus­gelegt, also andauernde Anmache, Anzüg­lichkeiten aller Art, auch anstößige Anspie­lungen auf Ade­les aufreizen­den Arsch. Adele appel­liert an Anstand. Aufdring­liche Avan­cen aus­drück­lich abgewiesen.

Dass sich so ein sper­riger Text den­noch gut vor­lesen lässt, hat Schaus­piel­er Reto Stalder am ersten Schweiz­er Vor­lese­tag gezeigt (ab TC 24:40).

Wenn man der Hand­lung fol­gt und nicht ständig auf die Anfangs­buch­staben achtet, funk­tion­iert der Text tat­säch­lich als Geschichte. Als aus­ge­fuch­stes Anschau­ungs­beispiel aber­witziger Allit­er­a­tio­nen ver­stösst das zwar gegen das erste Schreibge­bot – aber schliesslich sind solche Gebote dazu da, lustvoll gebrochen zu wer­den.

 


P.S.

Bere­its 1983 hat sich Han­na Muschg in der Zeitschrift Manuskripte am ersten Kapi­tel aus Abishs Roman ver­sucht (Heft 79, S. 4). 2002 erscheint der Roman Alpha­betis­ches Afri­ka bei Urs Engel­er als zweis­prachige Aus­gabe mit der Über­set­zung von Jürg Laed­er­ach.

In seinem Beitrag mit dem Titel «Die Über­set­zung als fort­ge­führtes Sprachex­per­i­ment» hat sich Robert Leucht unter anderem mit diesen Über­set­zun­gen befasst (ZiG – Zeitschrift für interkul­turelle Ger­man­is­tik 7/2016/H1. Hrsg. v. Dieter Heim­böck­el, Georg Mein, Gesine Lenore Schiew­er u. Hein Sieburg. Biele­feld: tran­skript, 2016. S. 11–31.)

Schreibe einen Kommentar